Mai 29, 2020

Die leuchtende Antwort

Mögest Du gerne auf dieser Welt sein, die so schön ist in ihrer Sanftheit und so erhaben in ihrer Wildheit.

Mögest Du viele sorglose Nächte erleben unter gütigen Sternen

und viele unbeschwerte Tage im Gold der Sonne.

Mögeest Du die Kostbarkeit vieler Dinge begreifen, wenn körniger Sand durch Deine Finger rinnt oder kalte Muttererde sich an Deinen warmen Handballen presst

wenn Schnee auf Deinem Gesicht schmilzt und wenn blutrotes Abendrot unter Deinen sehnsüchtigen Blicken erlischt.

Mögest Du den Schatz erkennen

der im Lachen eines echten Freundes liegt und in einer tröstenden Umarmung

genauso wie im leisen Begehren

das zu Liebe werden will

und im Kuss, der die Grenzen verwischt

Mögest Du fragen und zweifeln, hadern und ringen,

wie Menschen es tun, die bereit sind, bis zum Grund zu tauchen und der Welt die Perle zu schenken, die sie finden.

Mögest Du aufgehoben werden, wenn Du fällst, von einem oder Einer, die das Unverletzte genauso in dir sieht wie das Verwundete,

der hören mag, was Du zu sagen hast und sagt, was Du hören musst.

Möge in Dir die Gewissheit reifen -mehr und mehr-

dass Du gewollt bist aus ganzem und tiefem Herzen

mit jedem Haar auf Deinem Kopf und jedem Zehennagel

jeder Falte im Gesicht und mit jedem Deiner Gedanken

auch jenen, die ratlos sind am Ende des Tages wie Deines Lebens

dass Du geliebt bist vom ersten Atemzug an

bis zum letzten, wenn sich Dein Weg hier schließt und

in einer anderen und noch schöneren Welt

vollendet wird

Mögest Du ein Glück finden

das größer ist als jedes Besitzen

jedes Wollen und jedes Wissen:

sich zu verschenken und Hoffnung für viele zu sein.

Mögest Du wissen, dass Du genug Güte in Dir trägst

um eine Wunde zu schließen, einen Alptraum zu beenden

ein Leben zu retten und eine leuchtende Antwort

auf jemandes dunkle Frage zu sein

nach: Giannina Wedde

April 13, 2020

23. März 2020
Appell des UNO-Generalsekretärs für einen weltweiten Waffenstillstand

António Guterres
Unsere Welt steht einem gemeinsamen Feind gegenüber: COVID 19.
Dem Virus ist es gleich, welche Nationalität oder Volksgruppe, welche Partei oder
Glaubensrichtung.
Es greift alle an. Erbarmungslos.
Gleichzeitig wüten bewaffnete Konflikte auf der gesamten Erde.
Die Schwächsten – Frauen und Kinder, Menschen mit Behinderungen, die an den Rand Gedrängten und die Vertriebenen – sie zahlen den höchsten Preis.
Sie sind es , die das höchste Risiko haben, dem Virus zum Opfer zu fallen.
Wir wissen, dass in den vom Krieg zerrissenen Ländern das Gesundheits-System kollabiert ist.
Die wenigen Gesundheitsarbeiter wurden oft zur Zielscheibe der Bewaffneten.
Flüchtlinge und andere, durch bewaffnete Konflikte Vertriebene, sind doppelt verwundbar.
Das Wüten des Virus zeigt uns den Wahnsinn des Krieges.
Deshalb rufe ich heute auf zu einem sofortigen Waffenstillstand in allen Teilen der Erde.
Es ist an der Zeit, dass wir die bewaffneten Konflikte einfrieren und uns konzentrieren auf den Überlebenskampf gegen das Virus.
Zu den kriegsführenden Parteien sage ich:
Stellt die Feindseligkeiten ein.
Legt das Misstrauen ab.
Lasst die Gewehre schweigen, stoppt die Artillerie, beendet die Luftangriffe.
Viel wichtiger ist jetzt:
Helft Korridore schaffen für lebensrettende Maßnahmen,
Öffnet die Fenster für diplomatische Lösungen,
Bringt denen Hoffnung, die durch COVID 19 am meisten verwundbar sind.
Wir wollen uns ein Beispiel nehmen am beginnenden Dialog zwischen Konfliktparteien in einigen Regionen der Erde, um gemeinsam das COVID 19 –Problem anzugehen.
Aber wir brauchen viel mehr:
Beendet den Wahnsinn des Krieges und bekämpft diese Krankheit, die auf der ganzen Erde wütet.
Beginnt, indem ihr überall die Kämpfe einstellt. Jetzt.
Das ist es, was die Menschheitsfamilie benötigt. Jetzt mehr denn je.

Der General-Sekretär der Vereinten Nationen
(Übersetzung Dr. Thomas Melcher)

November 17, 2018

Gemeinschaft Oud-Kath.Kerk NL

Gemeinschaft Oud-Kath.Kerk NL
Katholisch- Ökumen. Eucharistiefeier um 10.30 Uhr am Sonntag, den 3. Advent: Freut Euch!
Mühlweg 6, Friesenried

Oktober 16, 2017

Helmut und der „Ungast“

Einer meiner schönsten Gottesdienste war jener letzte Woche, zu dritt in einem Kaufbeurener Altenheim. Gegenstand war das Evangelium des gestrigen Sonntags, das königliche Hochzeitsmahl mit jenen Gästen, die eingeladen, den König aber versetzen und die einladenden Boten sogar umbringen (Mt 22,1-14). Der wütende König befiehlt daraufhin seinen Dienern, spontan Gäste von der Straße an die Hochzeitstafel zu holen: Arme und Bettler. Doch ausgerechnet über einen Gast echauffiert sich der König geradezu maßlos, weil er „kein Hochzeitsgewand“ trägt. Jenseits des historischen Kontextes, innerhalb dessen Matthäus uns diesen Text vorlegt, meldete sich einer der beiden, Helmut, nach der Verlesung des Textes mit der berechtigten Frage: „Das ist doch ungerecht! Wie kann man spontan Gäste von der Straße einladen und dann erwarten, dass sie festlich angezogen sind!“. Stimmt. Den Nagel auf den Kopf getroffen, lieber Helmut!
Aber handelt es sich bei jenem, den der Gastgeber beanstandet, wirklich um einen, der nachträglich dazugeladen wurde und „von der Straße kommt“? Oder wurden letztere vielleicht vom Gastgeber selbst festlich bekleidet und jener, der zum Stein des Anstoßes wird, mogelt sich in die Festgemeinschaft? Vermutlich geht es -der Intention eines Gleichnisses folgend- eben nicht nur um die Äußerlichkeit von Kleidung. Es könnte die Haltung dieses einen Gastes sein, die ihn aus dem Rahmen fallen lässt. Er ist sichtlich nicht vorbereitet auf das Fest, das ihn erwartet, vermag seine Bedeutung nicht einzuschätzen. Die Kleidung steht da nur „pars pro toto“. Für seine Haltung und Einstellung. Gäste, auch spontan eingeladen, bringen ein Gastgeschenk mit: Das Größte sind sie selbst- ihre Offenheit, Dankbarkeit, Herzlichkeit, Freundlichkeit … Sie sitzen nicht an der gedeckten Tafel und überlegen, was sie in der Zeit anderes oder besseres hätten tun wollen. Sie treffen eine bewusste Entscheidung, jetzt für diesen Menschen und seine Einladung da zu sein. Andere Optionen geben sie dafür bewusst auf.
Sie sind „ganz“ da, bereit, sich von dem, was da in dieser illustren Festgemeinschaft einander völlig Unvertrauter auf sie zukommt, sich überraschen zu lassen.
Der „Ungast“ aber verweigert dieses Gastgeschenk, sich selbst. Er lässt den Gastgeber nicht daran teilhaben. Die im Evangelium thematisierte reine „Äußerlichkeit“ korrespondiert mit dessen innerer Situation. Ähnlich wie im Gleichnis mit den klugen und törichten Jungfrauen, das wenige Kapitel später folgt, will er nur an dem der anderen partizipieren, bringt aber nichts von sich selber ein. Offensichtlich mag Gott keine halben Sachen. Gott schätzt das Ehrliche, Aufrechte und nicht die „Anstandskosmetik“. Er schaut hinter unsere Fassade, ins Herz und entlarvt den Selbstschwindel und die Halbherzigkeit.
Jener Gottesdienst endete mit einem persönlichen Segen und der Bitte der Beiden, die beide Helmut hießen, sie ins Nachtgebet einzuschließen. Klar doch. Da beide Helmut heißen, kann ich mir das besonders gut merken.

Oktober 6, 2017

Ein zauberhafter Anfang: Primiz 01.10.17

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„Wir würden ja jetzt eigentlich anfangen, aber der Pfarrer ist nicht da.“ Mit diesen Worten begannen zwei der Ministranten nach dem feierlichen Einzug die Primizfeier des neuen alt-katholischen Priesters Markus Stutzenberger. Was tun, jetzt war guter Rat teuer! Schnell wurde beschlossen, da muss ein Zauberer/eine Zauberin her! So wurden kurzerhand die Zelebranten als Assistenten eingesetzt, die das schwarze Zaubertuch (einen alter Chormantel!) halten mussten und ein Gemeindemitglied fungierte als Zauberin. Und siehe da, nachdem das Tuch sank, „erschien“ Stutzenberger in voller Lebensgröße hinter dem Altar.
Danke sagen- eine Primiz auch eine Form der Danksagung von Kirche und Gemeinde- Dieser Faden zog sich durch den gesamten Gottesdienst.
Die Fürbitten wurden nicht vom Ambo aus gelesen, sondern kamen aus unterschiedlichen Stellen der Gottesdienstbesucher, was abermals für Auflockerung gesorgt hatte. Die Kommunion wurde musikalisch von Tochter Hanna mit dem Song „here comes the sun“ von den Beatles virtuos auf der Gitarre begleitet.
In ihrem Grußwort erzählte die stellvertretende Kirchenvorsteherin Marianne Siegmund anschaulich von seiner beeindruckenden Priesterweihe mit drei weiteren Kollegen in der Schlosskirche in Mannheim durch Bischof Dr. Ring.
Stutzenberger ist es nicht ganz leichtgefallen, den mutigen Schritt aus der röm.-kath. In die alt-kath. Kirche und damit in eine ganz neue und ungewohnte Struktur zu wagen, denn immerhin habe er eine unbefristete Stelle in einer Großkirche gegen eine befristete in einer kleinen Kirche eingetauscht: „Da geht es auch um existentielle Fragen.“ Vor allem auch für die Kinder sei dies eine große Belastung gewesen, aber er gehe dieser neuen Aufgabe mit Hoffnung, Kraft und Energie entgegen. Seinen Schritt bereue er keinen Tag. Vor gut einem Jahr hat der 45-jährige sich mit seiner Frau Conny, Tochter Hanna und den Zwillingen Elias und Jakob auf den Weg in das beschauliche Neugablonz gemacht und hat es in dieser Zeit vom Pastoralreferenten über den Diakon zum geweihten Priester geschafft.
Aufgrund der anschließenden Grußworte kann er da auch durchaus positiv in die Zukunft sehen.
OB Bosse begann sein Grußwort mit dem Zitat von Hermann Hesse: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Dieses Zitat hatte er sich allerdings schon vorher überlegt, aber nun passte es umso besser. Er betonte, dass er mal wieder sehr erfreut über das Zeichen der Ökumene sei. Sehe er doch hier Pfarrer Hagen der katholischen Herz Jesu Kirche, Pfarrer Stahl der evangelischen Christuskirche und auch Pfarrer Röhm der evangelischen Dreifaltigkeitskirche Kaufbeurens.
Als Geschenk, sowohl praktisch als auch symbolisch, überreichte der OB als „Schirmherr“ einen Regenschirm mit den Worten: „der soll Sie beschützen, damit Sie immer gut beschirmt sind“.
Auch Pfarrer Stahl betonte die gute Arbeit auf dem ökumenischen Hügel, die sowohl durch Stutzenberger, als auch durch Thomas Hagen, Nachfolger von Franz Römer weiterhin gut möglich sei.
Mit seinem kabarettistischen Grußwort sorgte er für große Heiterkeit. Verglich er doch, beflügelt von dem Zauber zu Beginn des Gottesdienstes, die Gemeinden in Neugablonz mit den Häusern von Harry Potter. Zum Ende seines Grußwortes lud Stahl Stutzenberger zu einer Gastpredigt in der Christuskirche ein. Dafür überreichte ihm Stahl als Symbol der Vielfarbigkeit des Christseins in der Welt von heute eine Guatemalastola.

August 6, 2017

Alles klar?!

Verklärt ist alles Leid der Welt: Des Todes Dunkel ist erhellt. Der Herr erstand in Gottes Macht, hat neues Leben uns gebracht!
So heißt es in einem meiner Lieblingslieder zu Ostern.
Das taucht es auf, dieses „vom Aussterben bedrohte Wort“: „verklärt“. Wie etwa sollte ich es einem Kind erklären, was damit gemeint ist, mit diesem Bild, das so zentral ist für das Evangelium des heutigen Sonntags der „Verklärung Christi“, an dem „klar wird“ oder werden soll, dass Jesus “ d e r Christus“, der von Gott Geliebte und Gesalbte ist.
Kennen Sie solche Momente, in denen Ihnen quasi „schlagartig“ etwas bewusst wird? Sie begegnen jemanden zum ersten Mal und wissen: Dieser Mensch ist „etwas Besonderes“ und „es passt“ wie auf Anhieb zwischen Ihnen, ohne das viel darüber geredet werden müsste. Da ist dann vielleicht von Vornherein „ein Band der Sympathie“, ohne dass man dazu viel beitragen könnte oder müsste. Das gibt es dann natürlich auch im negativen Sinne: Ich erlebe einen mir noch nicht bekannten Menschen zum ersten Mal und „weiß“, es wird schief gehen, weil es einfach „nicht passt“… oder meine ich nur, es zu „wissen“ und in Wahrheit lege ich jemanden eher -im Bild gesprochen- „auf das von mir gezimmerte Kreuz“… In der Situation, aus der das heutige Evangelium zu uns spricht, ist der Rückzug, die Absonderung vom Pro-fanen, vom Alltäglichen, vom Einerlei des Alltags, in eine Atmosphäre des „Urlaubs“, der Zeit, in der ich mir äußerlich wie innerlich manches „erlaube“, was das ganze Jahr über so nicht möglich ist. Wenn ich etwas „verkläre“, sehe ich etwas in einem anderen Licht. Und Urlaubszeit heißt dann vielleicht auch die innere Erlaubnis an mich und den Berg meines Herzens, mich und mein Leben, meine gelebten, geliebten und „gescheiterten“ Beziehungen (die so gescheitert vielleicht gar nicht sind), bewusst einmal in ein „anderes Licht“ zu stellen… die „Perspektive Ewigkeit“ vielleicht, welche der in Augsburg geborene Sänger Andreas Bourani in seinem Lied „Auf uns“ besingt… Da gibt es dann vielleicht manches, was ich gerne wie die Jünger auf dem Berg „festhalten“ und gerne „für die Ewigkeit“ bewahren und festhalten würde- und dann doch immer wieder schmerzlich feststellen muss, auch und gerade im Urlaub, dass „alle Dinge im Fluss sind“: der Moment, den ich gerade genossen habe, sehr schnell wieder „vorbei sein“ wird. Umso mehr die Einladung an uns, an Sie wie mich, diesen „Tag Unendlichkeit“ wirklich auszukosten und zu genießen… damit er wenigstens „in uns“ bleibt und zu „Farben für den Winter“ wird…
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
Dass es das Beste für uns gibt
Ein Hoch auf das, was uns vereint
Auf diese Zeit (Auf diese Zeit)
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf dieses Leben
Auf den Moment
Der immer bleibt
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf jetzt und ewig
Auf einen Tag
Unendlichkeit (Unendlichkeit)
Urlaubszeit ist „BergZeit“ und eine Einladung zu „innerer Klärung“: Was waren meine Ziele und Vorhaben zu Beginn des neuen Jahres 2017? Wo bin ich jetzt, nach der ersten Jahreshälfte, angekommen? Ist es ok für mich, manches nicht und dafür anderes erreicht zu haben? Welche Menschen waren mir an welchen Orten und in welchen Gelegenheiten eine Hilfe, eine Stütze?
Wo bin ich und warum auch immer „nicht angekommen“ oder „durchgedrungen“ mit dem, was ich denke, fühle oder erlebe?
Wo hatte oder habe ich vielleicht auch jetzt noch verklärte, das heißt vielleicht völlig überzogene Erwartungen — an andere, aber auch an mich?
Herzliche Einladung zu einer positiv verklärten Spurensuche im Urlaub, wo auch immer Sie ihn verbringen, in Nah und fern, bei sich zuhause …
M. Stutzenberger

Juli 24, 2017

Katakombenpakt

Einleitung

Am 16. November 1965 – drei Wochen vor dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils – trafen sich in den Domitilla-Katakomben außerhalb Roms 40 Bischöfe der ganzen Welt. Sie griffen ein Leitwort auf, das Johannes XXIII. einige Jahre vorher ausgegeben hatte.

Johannes hatte das Leitwort von einer „Kirche der Armen“ in seiner Rundfunkansprache vier Wochen vor der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils am 11. Sept. 1962 ausgegeben. Er meinte damit keine Sonderkirche, die im Gegensatz zu einer anderen Kirche oder zu einer anderen Gruppierung in der Kirche steht – etwa die Armen gegen die Reichen oder die Laien gegen die Priester. Sondern er wollte darauf aufmerksam machen, dass die Armen die Kirche überhaupt repräsentierten. Sie sind die Mehrheit des Volkes Gottes in der heutigen Welt. Mehrfach hat er auch Kardinal Lercaro aufgefordert, zu diesem Thema im Konzil zu sprechen.

Die 40 Bischöfe des 16. November griffen dieses Motto auf. Aber sie leisteten dazu noch etwas Eigenes: sie legten ein Gelübde ab. Sie versprachen, dass sie nach ihrer Rückkehr vom Konzil, das am 8. Dezember 1965 zu Ende ging, etwas Grundsätzliches in ihrem Leben und bei ihrer kirchlichen Tätigkeit ändern wollten. Sie versprachen, ein einfaches Leben zu führen und den Machtinsignien zu entsagen, sowie einen Pakt mit den Armen zu schließen – die sog. Option für die Armen. Sie bedeutet, die Welt mit den Augen der arm gehaltenen bzw. arm gemachten Bevölkerung zu sehen und dementsprechend handeln zu wollen. Die Bischöfe machten sich zu ihrem Sprachrohr. Eine wichtige Person unter ihnen war Dom Helder Camara, damals gerade Erzbischof von Recife/Brasilien geworden

Die Gruppe war richtungsweisend. Sie gehörte selber zum Konzil, hat hier und da Einfluss auf die Texte ausüben können und hat die Prinzipien des Konzils erstmalig in der Praxis ausgeführt, nämlich das Prinzip einer Durchdringung von Dogma und Pastoral entsprechend der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, sowie das Prinzip von der Kirche als dem Volk Gottes, das die Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ hervorhebt. Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit dieser Gruppe war die Entstehung der Basisgemeinden und einer Theologie der Befreiung. Das wichtigste gesamtkirchliche Ergebnis war die lateinamerikanische Bischofsversammlung von Medellin 1968, die zum neuen Pfingsten für die Lateinamerikanische Kirche wurde.

Die Verpflichtung der 40 Bischöfe, der sich später noch ca. 500 weitere Bischöfe anschließen, hat folgenden Wortlaut.

Wortlaut

Als Bischöfe,

  • die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben;
  • die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen;
  • die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden;
  • die sich eins wissen mit all ihren Brüdern im Bischofsamt;
  • die vor allem aber darauf vertrauen, durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sowie durch das Gebet der Gläubigen und Priester unserer Diözesen bestärkt zu werden;
  • die in Denken und Beten vor die Heilige Dreifaltigkeit, vor die Kirche Christi, vor die Priester und Gläubigen unserer Diözesen hintreten;

nehmen wir in Demut und der eigenen Schwachheit bewusst, aber auch mit aller Entschiedenheit und all der Kraft, die Gottes Gnade uns zukommen lassen will, die folgenden Verpflichtungen auf uns:

1. Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt (vgl. Mt 5,3; 6,33-34; 8,20).

2. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall – weder Gold noch Silber – gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen (Vgl. Mk 6,9; Mt 10,9; Apg 3,6).

3. Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen; und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen oder caritativen Werke überschreiben (vgl. Mt 6,19-21; Lk 12,33-34).

4. Wir werden, wann immer dies möglich ist, die Finanz- und Vermögensverwaltung unserer Diözesen in die Hände einer Kommission von Laien legen, die sich ihrer apostolischen Sendung bewusst und fachkundig sind, damit wir Apostel und Hirten statt Verwalter sein können (vgl. Mt 10,8; Apg. 6,1-7).

5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden (Eminenz, Exzellenz, Monsignore…). Stattdessen wollen wir als „Padre“ angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium enstpricht.

6. Wir werden in unserem Verhalten und in unseren gesellschaftlichen Beziehungen jeden Eindruck vermeiden, der den Anschein erwecken könnte, wir würden Reiche und Mächtige privilegiert, vorrangig oder bevorzugt behandeln (z.B. bei Gottesdiensten und bei gesellscchaftlichen Zusammenkünften, als Gäste oder Gastgeber) (Lk 13, 12-14; 1 Kor 9,14-19).

7. Ebenso werden wir es vermeiden, irgendjemandes Eitelkeit zu schmeicheln oder ihr gar Vorschub zu leisten, wenn es darum geht, für Spenden zu danken, um Spenden zu bitten oder aus irgendeinem anderen Grund. Wir werden unsere Gläubigen darum bitten, ihre Spendengaben als üblichen Bestandteil in Gottesdienst, Apostolat und sozialer Tätigkeit anzusehen ( (Vgl. Mt 6, 2-4; Lk 15,9-13; 2 Kor 12,4).

Für den apostolisch-pastoralen Dienst an den wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten oder Unterentwickelten werden wir alles zu Verfügung stellen, was notwendig ist an Zeit, Gedanken und Überlegungen, Mitempfinden oder materiellen Mitteln, ohne dadurch anderen Menschen und Gruppen in der Diözese zu schaden.

8. Alle Laien, Ordensleute, Diakone und Priester, die der Herr dazu ruft, ihr Leben und ihre Arbeit mit den Armgehaltenen und Arbeitern zu teilen und so das Evangelium zu verkünden, werden wir unterstützen. (vgl. Lk 4,18f.; Mk 6,4; Mt 11,45; Apg 18,3-4; 20,33-35; 1 Kor 4,12; 9,1-27)

9. Im Bewusstsein der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Liebe sowie ihres Zusammenhangs werden wir daran gehen, die Werke der „Wohltätigkeit“ in soziale Werke umzuwandeln, die sich auf Gerechtigkeit und Liebe gründen und alle Frauen und Männer gleichermaßen im Blick haben. Damit wollen wir den zuständigen staatlichen Stellen einen bescheidenen Dienst erweisen (Vgl. Mt 25, 31-46; Lk 13,12-14 und 33f.)

10. Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen, die der Würde der Menschen- und Gotteskinder entspricht (Vgl. Apg 2,44f; 4,32-35; 5,4; 2 Kor 8 und 9; 1 Tim 5,16).

11. Weil die Kollegialität der Bischöfe dann dem Evangelium am besten entspricht, wenn sie sich gemeinschaftlich im Dienst an der Mehrheit der Menschen – zwei Drittel der Menschheit – verwirklicht, die körperlich, kulturell und moralisch im Elend leben, verpflichten wir uns:

  • Gemeinsam mit den Episkopaten der armen Nationen dringliche Projekte zu verwirklichen, entsprechend unseren Möglichkeiten.
  • Auch auf der Ebene der internationalen Organisationen das Evangelium zu bezeugen, wie es Papst Paul VI. vor den Vereinten Nationen tat, und gemeinsam dafür einzutreten, dass wirtschaftliche und kulturelle Strukturen geschaffen werden, die der verarmten Mehrheit der Menschen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen, statt in einer immer reicher werdenden Welt ganze Nationen verarmen zu lassen.

12. In pastoraler Liebe verpflichten wir uns, das Leben mit unseren Geschwistern in Christus zu teilen, mit allen Priestern, Ordensleuten und Laien, damit unser Amt ein wirklicher Dienst werde. In diesem Sinne werden wir

  • gemeinsam mit ihnen „unser Leben ständig kritisch prüfen“;
  • sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen, so dass wir vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, stattt Chefs nach Art dieser Welt zu sein.
  • uns darum mühen, menschlich präsent, offen und zugänglich zu werden.
  • uns allen Menschen gegenüber offen erweisen, gleich welcher Religion sie sein mögen (vgl. Mk 8,34f.; Apg 6,1-7; 1 Tim 3,8-10.13

13. Nach der Rückkehr in unsere Diözesen, werden wir unseren Diözesanen diese Verpflichtungen bekanntmachen und sie darum bitten, uns durch ihr Verständnis, ihre Mitarbeit und ihr Gebet behilflich zu sein.

Gott helfe uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben.

März 1, 2017

 

Februar 21, 2017

Die Kunst des Lebens – Lebenskunst

 

Ich erwache aus einer bewegten Nacht. Mit dem Eindruck, wieder in eine so komplizierte Welt hineinzumüssen. Mein Körper rettet mich. In einer kurzen Meditation muss ich erst einmal nichts tun, um „in ihr“, in dieser Welt zu sein, oder doch eher in einer anderen, mit einem kurzen Gedanken- oder Seelensprung, ein „Wanderer zwischen zwei Welten“… Ich will an diesem Morgen einfach nur spüren, was in mir wiegt und zittert. In diesem Leben versuche ich, einem menschgewordenen Gott zu folgen. Hinter meinen Augenlidern, hinter meinem noch in sich verschlossenen Herzen schaue ich auf Ihn. Meine Anziehung zu Ihm findet ihren Ausdruck in der Torheit jener Maria, die seine Füße mit Parfüm salbt. Mein Skrupel spricht sodann mit Judas: „Und die Armen? So viel für so wenig?“ Jetzt aber, in meinem / unserem Glauben, soll und darf die Schönheit Priorität haben. Der unnötige Duft der Bewunderung soll die Welt erfüllen, und sei sie auch noch so klein oder so groß und unüberfühlbar. Als LebensKÜNSTLER müssen wir die Welt umarmen, nicht erobern. Verwandeln? Durch den Blick, den AugenBlick. Leben ist zuerst Gabe, nicht AufGabe. Leben ist zuerst Gabe, nicht AufGabe.

Auf der Straße sehen die Leute blass und traurig aus. Der unendliche Pariser Louvre würde mich retten. Aber kilometerlange Malerei ist auch leblos. Ich würde sie wie so vieles bloß konsumieren, wie mich selbst. Wie die unendlichen Produktreihen im Supermarkt, deren irdischen, göttlichen Ursprung wir mit uns selbst vergessen haben.

Kunst erreicht uns in Schlichtheit. Kunst erreicht uns in Schlichtheit.

Wie Gott auch. Eine alte Postkarte auf meiner Tür, ein zerknittertes Gebetsbild des Gesangbuches vergangener Tag erfüllt den vor mir liegenden Tag mit ausreichender Schönheit, um die nächste Woche zu bestehen. Ein listiger Engel des Malers Klee, lächelt verschmitzt aus einer Bleistiftlinie. Oder glänzende schwarze Farben des Malers Soulages. Oder das anonyme Kreuz des anonymen Gottes. Das ist LebensSinn in knappster Form, mitten in der Absurdität unseres Daseins.
Aus diesem Blick werden jetzt alle Menschen zu lebendiger Kunst. In ihrer unerreichbaren Einmaligkeit. Und die weite Welt, bald zerstört von uns. Von unserer Gleichgültigkeit, wenn unsere fehlende Innerlichkeit ihr keine Existenzberechtigung mehr zuspricht.
In jeder Begegnung unseres Lebens wird sich wiederkehrend vom Grunde her das gleiche Drama abspielen. Die geheimsten Botschaften meiner Mitmenschen werden wir nur in uns aufzunehmen vermögen, wenn wir uns dann und wann auch nackt zu wagen von dem, was wir schon glauben zu wissen. Wenn ich ihre ansprechenden Gesichter als die einzige Nachricht Gottes für mich in diesem Jetzt betrachte. Leben heißt, Künstler/in sein. Verantwortlich zu sein für die ganz persönliche und einmalige Rolle des eigenen Lebens. Und für das ganze Stück: „für alles, für alle, vor allen“, wie Dostojewski schrieb.

M.S. nach Julien Lambert SJ

Januar 17, 2017

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