September 10, 2020

Warum Ungehorsam wichtig ist

Nicht die Bequemen und Stromlinienförmigen

haben wirkliche Veränderungsprozesse angestoßen

Es waren stets die Mutigen

Wahrhaftigen

die in der Zeit weit voraus lebten

dachten und fühlten

Sie werden mitgekreuzigt

wieder und immer wieder

weit mehr als 2000 Jahre lang

August 2, 2020

Gott analog und/oder digital?


Eine übergreifende Debatte

Zu den Möglichkeiten und Grenzen analoger und digitaler Gottesdienste

Reflektionen zur Liturgie anlässlich der Corona-Pandemie

Die Anweisungen des Vatikans und der Bischöfe waren eindeutig. In Zeiten der Coronapandemie sei es unverantwortlich öffentliche Gottesdienste zu feiern. Die Kirchen dürften nicht zu Orten der Ansteckung werden und müssen daher den behördlichen Vorgaben folgen und schließen.

Das bedeutete natürlich nicht, dass in den Kirchen keine Gottesdienste mehr stattfanden. Zahlreiche Priester und Ordensgemeinschaften feierten die Liturgie nach wie vor, alleine oder in allerkleinsten Gruppen, in privaten Hauskapellen, wie auch in großen Kathedralen und Klosterkirchen. Zahlreiche Bischöfe haben ihre Priester ausdrücklich aufgerufen so zu handeln und stellvertretend für alle, die nicht teilnehmen können und für die von der Pandemie Betroffenen zu beten. Nicht wenige dieser Gottesdienste wurden auch als Fernsehgottesdienste oder als Livestreams im Internet gesendet. Das auf ein Minimum reduzierte liturgische Leben sollte durch Hausgottesdienste und Bibellektüre in den Familien ergänzt werden. Wer die Eucharistie empfangen wollte und in diesen Tagen keine Möglichkeit dazu hatte wurde von den Bischöfen entweder zum „eucharistischen Fasten“ oder aber auch zur „geistlichen Kommunion“ eingeladen.

Für eine Kirche, welche die Feier der Eucharistie als Herz und Mitte ihres Daseins versteht, bedeutet die pandemische Lage eine existentielle Herausforderung. 

„Die liturgischen Handlungen sind nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche, die das „Sakrament der Einheit“ ist; sie ist nämlich das heilige Volk, geeint und geordnet unter den Bischöfen. Daher gehen diese Feiern den ganzen mystischen Leib der Kirche an, machen ihn sichtbar und wirken auf ihn ein; seine einzelnen Glieder aber kommen mit ihnen in verschiedener Weise in Berührung je nach der Verschiedenheit von Stand, Aufgabe und tätiger Teilnahme.“[1]

Rasch entstand eine breite Diskussiondarüber, wie sinnvoll es sei, wenn Priester alleine oder mit nur sehr wenigen Gläubigen die Messe hinter verschlossenen Türen feiern und diese eventuell über die sozialen Medien in die Öffentlichkeit des Internets stellen? Handelt es sich tatsächlich um eine Feier des heiligen Volkes, wenn dieses nur durch wenige Menschen oder durch mediale Öffentlichkeit teilhaben kann? Sollte man tatsächlich während der Krisenzeit zu einem eucharistischen Fasten aufrufen? Oder sollte die Gemeinde die Eucharistie nicht vielmehr in die Häuser der Gläubigen tragen?

Ludwig Jetschke erinnerten die gestreamten Gottesdienste an die vorkonzilare Situation. Auf seinem Blog Lingualpfeife beschrieb er diese Erinnerung wie folgt:

„Es war einmal … da galt für den katholischen Klerus die tägliche Zelebrationspflicht der heiligen Messe. Da es die heutige Form der Konzelebration noch nicht gab, musste jeder also einzeln ran und so entstand insbesondere in Klosterkirchen und Kathedralen die architektonische Erfindung der Seitenaltäre, an denen also zeitgleich eine Fülle an „Stillen Messen“ zelebriert wurden. Pro Priester stand lediglich ein Ministrant zur Seite (wenn er nicht zu mehreren „geteilt“ werden musste), um rechtzeitig „Et cum spiritu tuo“ zu sagen, das Messbuch von der Epistel- auf die Evangelienseite zu tragen oder zur Wandlung die Glocke zu bedienen. Apropos Wandlungsglocke: In der erneuerten Form des römischen Ritus ist diese ja lediglich akustisches Beiwerk und letztlich entbehrlich. Damals war sie aber nicht ganz unerheblich für jene Gläubigen, die sich doch ins Kirchenschiff verirrt hatten, um zur rechten Zeit am richtigen Altar zur Stelle zu sein, andächtig den Blick auf die erhobenen Gaben zu richten und damit im Fünf-Minuten-Takt zweimal sieben Jahre „Ablass“ für sich oder liebe Verwandte zu gewinnen. War man nämlich raffiniert genug, die Messen in exakt dieser Taktung zu schalten, gab es da quantitativ sprichwörtlich „Gnade über Gnade“ abzustauben.“

Jetschke fragt, ob die aktuell über die Streamingdienste verbreiteten Messfeiern nicht ein Rückfall in längst vergangene Zeiten darstellt? Andererseits weist er aber auch darauf hin, dass man zumindest auf YouTube wenigstens 1.000 Abonnenten benötigt, um den mobilen Streamingdienst überhaupt in Anspruch nehmen zu können. Die selten professionellen Übertragungen kommen aus kleinen Privatkapellen ebenso wie aus menschenleeren Kathedralen.

Wird das Handy auf diese Weise zu einem modernen Seitenaltar, oder zu einem Instrument der tätigen Teilhabe? Das Zauberwort des zweiten Vatikanischen Konzils lautete Participatio Actuosa tätige Teilnahme des ganzen Volkes. Das Volk soll die Texte der Feier nicht nur verstehen, sondern sich auch aktiv in die Liturgie, durch Gesang, Lesungen, Fürbitten, Wechseldialoge und den tatsächlichen Sakramentenempfang einbringen.

Gegen Livestreams ist für Jetschke an sich sowenig wie gegen Fernsehübertragungen einzuwenden, doch auf welche Weise kann die Gemeinde aktiv daran teilhaben? Könnten Kantoren oder Lektoren nicht zugeschaltet werden? Sollte man die Gemeinde nicht auffordern ihre Fürbitten bereits vor der Messe an den Zelebranten zu senden, der diese dann live vortragen könnte? Sollte jeder Priester eine solche Feier feiern oder wäre es nicht denkbar, zentrale Gottesdienste professionell aus jeder Domkirche oder bestimmten Klöstern zu senden?

Mit Albert Gerhards, Benedikt Kranemann und Stephan Winter schalteten sich drei führende Liturgiewissenschaftler in die Diskussion ein. Die Liturgiewissenschaftler bezeichneten die nichtöffentlichen Messen hinter verschlossenen Kirchentüren als „Geistermessen“, in denen der Priester stellvertretend und fürbittend für die von der Pandemie Betroffenen zelebrieren. Liturgie müsse öffentlich sein, damit alle Getauften in unterschiedlichen Rollen an ihr teilhaben könnten. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass die Liturgie ein Besitzstand des Klerus sei. Der Träger der Liturgie ist die vor Ort versammelte Gemeinde. Überträgt der Priester die Messfeier in den sozialen Medien, führt dies zu einer doppelten Exklusion: drinnen der exklusiv zelebrierende und kommunizierende Priester, draußen die auf virtuelle Präsenz und „geistliche Kommunion“ reduzierten Laien.

Wenn sonntags in der Pfarrei die Messe weiter gefeiert wird, so kann nicht der Priester allein, sondern nur eine, wenn auch noch so kleine, Gemeinde Stellvertretung glaubwürdig repräsentieren. Die Masse der Gläubigen bleibt jedoch auf den familiären Hausgottesdienst verwiesen.

Auf die Ausführungen der drei Liturgiewissenschaftler antwortet ihr Freiburger Kollege Helmut Hoping mit einer ganz anderen Meinung. Wie seine Kollegen geht auch Hoping vom Konzilsdekret Sacrosanctum Concilium aus und ergänzt dieses mit dem geltenden Kirchenrecht der röm.-kath. Kirche (CIC 904).

„Denn alle liturgischen Handlungen der Kirche „sind nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche“ (Sacrosanctum Concilium, Art. 26), auch wenn „die Feier in Gemeinschaft der vom Einzelnen vollzogenen vorzuziehen ist“ (Art. 27). Da sich in der Darbringung der Eucharistie „das Werk der Erlösung fortwährend vollzieht“ (Codex Iuris Canonici, Canon 904), empfiehlt die katholische Kirche den Priestern täglich zu zelebrieren, denn die Feier der Eucharistie ist, „auch wenn eine Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist, eine Handlung Christi und der Kirche“

Hoping antwortet seinen drei Kollegen, welche in der gegenwärtigen Praxis kein zeitgemäßes Liturgieverständnis mehr sehen und für die Zelebration der Messe ohne Volk den abfälligen Begriff der „Privatmesse“ bzw. der „Privatzelebration“ verwenden, wie folgt: eine Messfeier im Livestream, die ein Priester angesichts der Corona-Pandemie allein oder mit einem Messdiener und einem Kantor feiert, könne man nicht mit einer Winkelmesse vergleichen, die Priester im Mittelalter an Seitenaltären etwa für die armen Seelen im Fegefeuer feierten. Heute davon zu sprechen, dass Priester die Eucharistie als ihren „ureigenen Besitzstand“ betrachten, wäre deshalb mehr als unangebracht, so Hoping.

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Daher komme es auf die Größe der gottesdienstlichen Versammlung für eine gemeinschaftliche Feier nicht an. Dennoch sollten der Eucharistiefeier am Sonntag auch im Ausnahmezustand, in den uns die Corona-Pandemie zwingt, wenn möglich, zwei oder drei Gläubige mitfeiern. Wo es nicht anders möglich ist, kann der Priester, wie auch am Werktag, allein zelebrieren. Natürlich „kann“ er es- aber „soll“ er es? Ist das, was er kann, auch sinnvoll?

Natürlich gilt Mt 18,20 auch und zuvorderst für das Gebet und das Hören auf Gottes Wort, etwa in der Familie, oder wenn zwei oder drei Personen in einer Kirche die Vesper beten, ob medial übertragen oder nicht. Niemand behauptet, dass Stellvertretung in der „Ecclesia orans“ nur durch den Priester geschieht. Auffällig für Hoping ist aber die Aversion der drei Liturgiewissenschaftler gegen Messfeiern, die Priester für andere angesichts der Corona-Pandemie feiern. Am Ende läuft ihr Vorschlag darauf hinaus, alle Messfeiern einzustellen und sich als Volk Gottes im Gebet und Hören auf Gottes Wort miteinander zu verbinden. Für eine Kirche, die ihr Lebenszentrum in der Feier der Eucharistie besitzt, ist dies für Hoping ein zutiefst irritierender Vorschlag, da er an der Identität der katholischen Kirche rührt.

Schon immer wurde die Eucharistie auch für jene gefeiert, die daran nicht physisch teilnehmen können. Die Corona-Pandemie verlangt unkonventionelle Lösungen.

Alle genannten Liturgiewissenschaftler sind sich einig, dass die Feier der Eucharistie Herz und Mitte des Katholizismus darstellt. Gottesdienste müssen Feiern des ganzen Volkes sein, an welchem dieses in unterschiedlichen Rollen aktiv teilnimmt. Neben dem Regelfall der Gemeindemesse kann es auch Gründe geben, dass die Eucharistie (wie ja auch das Stundengebet) alleine von einem Priester gefeiert wird. Doch dieser feiert nicht seinen Gottesdienst, sondern hat Teil an der Feier der ganzen Kirche, die zu allen Zeiten, an allen Orten, auf Erden und im Himmel für und mit allen anderen feiert. 

Eine Wahrnehmung aus der jüngeren Generation

Der Theologiestudent Matija Vudjan erinnert in seiner Replik (Forum Liturgie) auf Gerhards, Kranemann und Winter daher auch ganz zu recht daran, dass in einer Ausnahmesituation, wie wir sie aktuell erleben, kreative Lösungen gefragt sein müssen und nicht die reine Lehre des Normalfalls, von welchem die angeführten Konzilstexte ausgingen. Unter normalen Umständen, wenn es möglich und (gesundheitlich) erlaubt ist, dass sich die Gemeinde öffentlich zur Feier der Eucharistie versammelt, ist der Argumentation ohne Zweifel zuzustimmen. Aber: Die Konzilsväter haben sicherlich nicht daran gedacht, dass es einmal nötig und geboten sein würde, „unser gesamtes Leben für einige Zeit völlig um[zu]stellen“ (Bischof Overbeck) und dass infolgedessen Gläubigen die körperliche Anwesenheit bei der Feier der Eucharistie auf unbestimmte Zeit verwehrt bleiben würde.

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Da die „Teilnahme“, von der LG 11 spricht, nicht mehr in körperlicher Weise möglich ist, hält Vudjan es für vollkommen legitim, die Teilnahme (und die tätige (!) Mitfeier) an der Eucharistie – und damit an einem wesentlichen kirchlichen Vollzug – auf eine andere, nichtphysische Art und Weise zu ermöglichen. Zum Beispiel eben über die sozialen Medien.

Als zweiten Punkt benennt Vudjan: Gerhards, Kranemann und Winter sprechen in ihrem Kommentar mehrfach von der ‚Privatmesse‘ bzw. davon, dass der Priester die Messe allein feiere. „Ich habe den Begriff hier absichtlich in Anführungszeichen gesetzt, denn ich bin überzeugt: In einer Eucharistiefeier, die live in den Medien übertragen wird, mag der Priester alleine im Kirchenraum sein, aber er ist dort nicht privat. Und die Gläubigen, die sich am Fernseher, Radio oder PC befinden, sind nicht nur Zuschauer des „durch den Priester korrekt vollzogene[n] Kult[s]“, wie die Liturgiewissenschaftler unterstellen, sondern sie nehmen an ihr teil. Der im Kirchenraum stehende Priester und die sich an den technischen Geräten befindenden Gläubigen feiern gemeinsam Eucharistie!“

Die Professoren sprechen in diesem Zusammenhang von der „virtuellen Präsenz“ der Gläubigen – und werten sie in Abhängigkeit von der körperlichen Präsenz des Priesters radikal ab. Die Anwesenheit in einem Gottesdienst ist – dieser Logik folgend – nur dann ‚gültig‘, wenn sie physisch ist. Diese Vorstellung ist für Vudjan defizitär – zumal in der gegenwärtigen Lage!

Eine „präsentische Stufenordnung“ kennt doch nur das Lehramt, zur kirchenrechtlichen Verankerung der sogenannten „Sonntagspflicht“, die der Körperlichkeit in der liturgischen Präsenz den Vorzug gibt gegenüber der Medialität. Die Diskussion, ob man zwischen der analogen und der digitalen Wirklichkeitserfahrung – die in der aktuellen Diskussion aufgemacht wird – trennen muss, oder ob es sich dabei nicht um zwei Seiten derselben Medaille handelt, ist nicht erst gestern entstanden, sondern wird schon seit vielen Jahren (Fernsehgottesdienste) geführt. Dass die digitale und die analoge Sphäre kompatibel sind – und wie groß ihre Kompatibilität tatsächlich ist, vermag ausgerechnet die uns beschäftigende Frage des Übertragens von Gottesdiensten aufzuzeigen. Das wesentliche (innertheologische) Kriterium ist und bleibt aber liturgietheologisch allein die tätige Teilnahme.

Unbestritten ist, dass die Feier der Eucharistie unter den gegenwärtigen Bedingungen für die medial mitfeiernden Gläubigen ein großes Defizit hat: den fehlenden Kommunionempfang, wenn darunter (allein) der Empfang des heiligen Abendmahls in den Gestalten von Brot und Wein verstanden wird.

Aber: Ist eine Eucharistiefeier, in der der Kommunionempfang für die Gläubigen aufgrund der gegenwärtigen Ausnahmesituation nicht möglich (!) ist, „nicht mehr akzeptabel“? Wird durch eine solche Eucharistiefeier gar die Liturgie „beschädigt“, wie die Professoren insistieren?

Matija Vudjan zeigt sich irritiert darüber, dass Gerhards, Kranemann und Winter vollkommen unterschlagen, dass Gott in der gesamten Eucharistiefeier – sowohl im Wort als auch im Sakrament – real präsent ist – und nicht nur in der Materie von Brot und Wein. Franziskus Eisenbach geht in seiner Dissertation über die Gegenwartsweisen Gottes/Jesu Christi/des heiligen Geistes in der Gottesdienstfeier unter Berufung auf Sacrosanctum Concilium von mindestens sieben an der Zahl aus. Wer in diesen Tagen eine Eucharistiefeier über die Medien mitfeiert – und ja, es geht hier nicht um ein bloßes Zuschauen, sondern tatsächlich um ein bewusstes (!) Mitfeiern –, kann die Lieder des Gottesdienstes mitsingen und die Akklamationen mitsprechen. Am Sonntag kann er in das Credo einstimmen. Er hört das Wort Gottes in den Schriftlesungen und im Psalmvortrag – und er hört seine Auslegung in der Predigt.

Wer die Hl. Messe medial mitfeiert, sieht sich und seine Anliegen in den Fürbitten vor Gott getragen – ebenso in der Gabenbereitung. Er stimmt mit ein in das himmlische Sanctus und in das Vaterunser und er bekennt, dass in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein Christus, das Lamm Gottes, selbst real gegenwärtig ist. Er wird entlassen aus dem Gottesdienst – gestärkt durch den Segen Gottes. Wer die Eucharistiefeier über die Medien bewusst verfolgt, schaut nicht dem Priester beim Kult zu, sondern nimmt voll, bewusst und tätig daran teil.

Und damit vergegenwärtigt er gemeinsam mit dem im Kirchenraum anwesenden Priester und den vielen anderen über die Medien verbundenen Menschen das Heilshandeln Gottes, das in Tod und Auferstehung Jesu Christi seinen universalen Höhepunkt erreicht hat. Die Versammlung ist zwar keine physisch-präsente, aber eben eine virtuell-reale: Auch die virtuell über die unterschiedlichen Medien versammelte Gemeinde wird durch die gemeinsame Feier der Eucharistie zum Leib des Herrn, zum mystischen Leib Christi. Die „Realität an sich“ in strikter Abgrenzung zur „Virtualität“, die vielleicht treffender als VirtuRealität zu denken ist, gibt es so nicht. Diese Vorstellung hat sich im Kontext digitaler Entwicklungen überholt.

Der Einwand des Theologiestudenten gegen die Argumente seiner Professoren beschreibt sicherlich auch einen Generationenwechsel. Leben die einen noch ganz analog, ist die digitale Welt für den anderen schon echte Realität.

Der fehlende Kommunionempfang

Der Innsbrucker Theologe Jozef Niewiadomski schaltete sich wie folgt in die Diskussion ein:

Der gesunde Menschenverstand gebietet heute „physische“ Distanz! Es ist dies aber das exakte Gegenteil dessen, was in der sakramentalen Feier der Eucharistie stattfindet. Damit aber auch das Gegenteil  der „Katholischen Kirche“! Wir feiern die Transformation (mit dem alten und ausgeleierten Wort als „Wandlung“ bezeichnet) der Isolation in die Nähe, mehr noch: wir feiern die Transformation der Preisgabe und Beseitigung eines leibhaft verfassten Lebens in die denkbar größte Gemeinschaft dank der transformierten Leiblichkeit Jesu Christi.

Das „Geschehen des Brotbrechens“ direkt vor der Passion, die dramatischen Ereignisse von Golgota und das Mahl mit dem Auferweckten in Emmaus sowie die vielen Mähler im Abendmahlssaal nach Ostern und Pfingsten gehören zusammengedacht; sie verdichten sich in der sakramentalen Feier der Eucharistie. Diese stellt – und dies wohl im Unterschied zu anderen liturgischen Feiern – nichts anderes dar, als die geistgewirkte sakramentale Vergegenwärtigung der damals an konkreten Orten und in konkreter Zeit stattgefundenen Ereignisse. Eucharistie, damit aber auch die Kirche, bedeuten Integration, nicht aber Isolation. Und dies nicht nur in einem abstrakten Sinn des Wortes. Aus guten Gründen verbindet also die Eucharistiefeier die Verkündigung des Wortes Gottes, dessen Lob mit den für die Feier wohl konstitutiven materiellen Elementen: Die Verinnerlichung der Hingabe Christi erfolgt auch durch das Essen und Trinken der eucharistischen Gestalten. Das Ereignis dieser Kommunion verdichtet all die kirchlichen Bemühungen um die tagtäglich stattfindende Integration von all den Ausgeschlossenen, die seitens der um Caritas bemühten Christinnen und Christen geschehen.

„electronica quasicatholica“

Schlussendlich verwischt für den Innsbrucker Theologen der bloß medial gefeierte Gottesdienst die sakramental konstitutive Differenz zwischen Zeichen und der durch dieses Zeichen bezeichneten Sache. Und dies schon deswegen, weil er (wie wir dies von der Kommunikation in den sozialen Medien wissen und aus den Hoffnungen, die man mit der weiteren Entwicklung von Cyberspace ablesen kann, erahnen) das Gefühl der unmittelbaren Präsenz vermittelt. Das Göttliche kann aber von sterblichen Menschen nicht unmittelbar genossen werden. Deswegen war auch dem Christentum die „Erlebnisqualität“ der Feier niemals ein Kriterium für die Erfahrung des Göttlichen, bei dem doch auch immer ein naturgemäßer Abstand zum Urmysterium des heiligen Abendmahles Jesu bleibt.

Von daher ist es gerade jetzt dringend notwendig, kirchlich darauf hinzuweisen, dass eine gestreamte Eucharistie oder aber Eucharistie im Fernsehen höchstens ein Zeichen für die an Ort und Stelle gefeierte Eucharistie ist, die doch auch Die inzwischen neu aufgelebte Diskussion über das – damit verbundene – „eucharistische Fasten“ und die „geistige Kommunion“ soll das Missverständnis einer Gleichsetzung verhindern, entzieht sich aber kaum demselben Missverständnis.

In welche Richtung soll man also weiterdenken? Gerade angesichts der Tatsache, dass die „physische“ Distanzierung auch die Feier des Triduum Sacrum und die Ostertage betraf. Die Analogie zur Situation der im verriegelten Abendmahlssaal sitzenden Jünger lädt dazu ein, über neue Modelle kirchlich-sakramentaler Präsenz unter den „sozial distanzierten“ Gläubigen nachzudenken. Es ist gut daran zu erinnern, dass der Auferweckte den eingeschlossenen Kleingruppen, die ja beim Gebet verharren, erscheint. Die Dimension der Sakramentalität verlangt aber das reale „Essen“ des eucharistischen Brotes. Hier ist nur die Tradition der seit alters her gepflegten „Kommunion für und mit den Kranken“ weiterhelfend.

Die Ermöglichung der Hauskommunion

Die Bischofskonferenzen hätten daher mutig die Empfehlung/Weisung geben müssen, so immer noch Niewiadomski, dass kirchlich gebundene Menschen in „ihren“ Kirchengemeinden die Eucharistie für ihre Angehörigen holen. Bei dem kleinen Zeichen geht es nicht nur um das Verzehren von Hostien, die irgendwo „gewandelt“ wurden, sondern um das Zeichen, dass die in ihren Wohnungen betenden Menschen zu dem einen „Leib Christi“ gehören. Denn dafür steht ja die vor Ort Eucharistie feiernde Kirchengemeinde: in Zeiten von Corona auf ein Mindestmaß reduziert. Das Bringen von Eucharistie in die Häuser durch einen der Familienangehörigen stellt zudem ein Zeichen der tagtäglich durch sie im familiären Kreis stattfindenden Durchbrechung, damit auch Wandlung der sozialen Distanzierung dar, fügt sich also in das sakramentale Verständnis dessen, worum es bei der Eucharistie geht. Ein solches Vorgehen würde wohl besser dem sakramentalen Verständnis der Kirche entsprechen als all die Hinweise auf die gottesdienstliche Präsenz in den Medien. Die Eucharistie (ob nun medial übertragen oder nicht) kann nach dieser Argumentation nicht nur alleine oder im kleinsten Kreis gefeiert werden, sondern muss es sogar, denn der Leib Christi lebt davon den Leib Christi zu empfangen. 

Der Liturgiewissenschaftler Cornelius Roth aus Fulda fasste die bisherige Diskussion wie folgt zusammen: Derzeit ist eine Diskussion im Gang, ob die Feier der Heiligen Messe via Livestream mit der Beteiligung nur eines Priesters (und einiger weniger Gläubiger) ein Rückschritt hinter längst veraltete Formen darstellt – verbunden mit einer Exklusion aller anderen und einer Missachtung des Gemeinschaftscharakters der Eucharistie –, oder ob nicht vielmehr in Notsituationen, wie die Corona-Pandemie mit Sicherheit eine ist, die Einzelzelebration des Priesters nicht nur erlaubt und geboten sein sollte, sondern auch ein Gewinn für alle anderen bedeuten könnte, weil er sie gleichsam stellvertretend für diese feiert.

Online-Communities sind echte Gemeinschaften auch im theologischen Sinn

In Zeiten des Internet und der Corona-Pandemie muss man Gemeinschaft aber wohl insgesamt neu denken. So seltsam es für den zelebrierenden Priester anmutet, bei den derzeitigen Livestreamgottesdiensten in eine leere Kirche hinein zu singen und zu predigen, so wir umso spürbarer – je länger man dies praktiziert –, dass eine virtuelle Gemeinschaft mit den Menschen entsteht, die an verschiedenen Orten digital mit dieser Messe verbunden sind. Online-Communities sind echte Gemeinschaften auch im theologischen Sinn und entsprechen sowohl dem Communio-Prinzip als auch dem Prinzip der aktiven Beteiligung (participatio actuosa) des zweiten Vatikanischen Konzils. Am Bildschirm kann mitgesungen und mitgebetet werden, man kann wirklich mit dem Herzen dabei sein, auch wenn die Kommunion nur auf geistliche Weise empfangen werden kann.

Die Corona-Krise kann uns liturgisch daher auch einen neuen Blick auf die Bedeutung der gottesdienstlichen Gemeinschaft im Internet eröffnen und deutlich machen, dass selbst der (analog) allein zelebrierende Priester durchaus mit der Welt verbunden sein kann, wie er es ja durch die Nennung anderer Personen im Hochgebet (Papst, Bischof, alle die zu einem Dienst in der Kirche bestellt sind, Verstorbene etc.) immer schon war. Insofern eignen sich die derzeitigen Livestreamangebote tatsächlich nicht dazu, prinzipielle liturgietheologische Streitigkeiten auszufechten, wie Helmut Hoping gegenüber den Kritikern der Einzelzelebration geltend machte, wohl aber dazu, die positiven Möglichkeiten einer Liturgie im Internet einerseits zu schätzen und andererseits neu zu entdecken und weiterzuentwickeln. Soweit Cornelius Roth.

Während bereits Jozef Niewiadomski darauf hingewiesen hatte, wie sehr es notwendig wäre, die Eucharistie in die Hauskirchen zu tragen, ergänzen die Theologen Daniel Bogner und Johann Pock diesen Vorschlag durch die Forderung, dass die Eucharistie auch in der priesterlosen Hausgemeinde konkret gefeiert werden könnte. Ein Vorschlag, der über die Konfessionsgrenzen hinweg breite Ablehnung erfahren hat.

Das Abendmahl in der priesterlosen Hausgemeinschaft selber feiern?

Volker Leppin wies in einem Beitrag darauf hin, dass insbesondere in der evangelischen Kirche ein großes Durcheinander entstand, da einzelne Landeskirchen entsprechende Vorschläge sowohl unterstützten, als auch deutlich verurteilten. 

Was dann so alles geschehen ist, konnten medienaffine Menschen in sozialen Netzwerken beobachten. Und: Es ist nun geschehen. Auch wo man, wie Leppin, den Eindruck hat, dass reichlich Porzellan zerschlagen wurde, kann es nun nicht darum gehen, den Niedergang der Abendmahlskultur zu beklagen, sondern wir müssen die Scherben zusammenkehren und bedenken, wie wir künftig für solche Situationen theologisch und seelsorglich gewappnet sind. Dabei sollte sich akademische Theologie den seelsorglichen Aufgaben nicht verschließen, umgekehrt aber auch die pfarramtliche und kirchenleitende Praxis sich nicht von theologischen Bedenken dispensieren. Auch das Verständnis vom allgemeinen Priestertum legitimiert die Feier des Hausabendmahles durch nicht ordinierte Personen nicht. Analog zur Nottaufe könnte eine solche Feier, für den evangelischen Theologen, allein in unmittelbarer Todesgefahr als gerechtfertigt erscheinen. Nun gilt auch hier: Jammern post festum hilft nicht. Der theologische und kirchenrechtliche Auftrag für die Zukunft heißt, klarer zu definieren, was im Falle des Abendmahls eigentlich als Notlage gelten kann.

In priesterloser Gemeinschaft nicht Eucharistie, sondern Agape feiern

Die Agapefeier reicht den gemeinschaftsstiftenden Ritus des Brotbrechens durch die Generationen weiter. Sich in Krisensituationen auf sie zu besinnen, hätte noch dazu den Vorteil, ökumenisch in die unterschiedlichsten Richtungen verträglich zu sein. Während die mangelnde Vorsicht im Umgang mit Fragen der Ordinationstheologie im Blick auf die Ökumene mit der römisch-katholischen Kirche erheblichen Flurschaden anzurichten droht, ist die Agapefeier auf katholischer Seite bekannt und akzeptiert und beispielsweise von der Diözese Rottenburg-Stuttgart auch für den Gründonnerstag 2020 als häusliche Feier empfohlen worden.

Für die Agape ist die geistliche Gemeinschaft im Glauben entscheidend. Wo diese gegeben ist, gilt auch für die digitale Versammlung die Verheißung von Mt 18,20: „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“. Anders gesagt: Agape kann man im Haus feiern, und man kann sie digital feiern.

Infokasten:

Über ihre Arbeitsstelle missionarische Kirchenentwicklung hat die evangelische Kirche in Deutschland eine erste Studie zur Evaluierung der Onlinegottesdienste während der Coronapandemie vorgelegt. Für die Studie wurden 897 Fragebögen ausgewertet, welche folgende Ergebnisse brachten: Online konnte die Kirche viermal so viele Menschen erreichen, wie über die üblichen Gottesdienste. Die Angebote erstreckten sich vom Abfilmen gewöhnlicher Gottesdienste, über interaktive Formate, bis hin zu kürzeren Impulsen. Ca. 80 % aller Angebote wurden durch Geistliche erstellt und nicht auf klassischen Kirchenseiten, sondern auf großen Plattformen wie Youtube eingestellt. Kürzere Angebote wurden besser angenommen als längere. 78% der Studienteilnehmer berichteten, dass sie zuvor keine Erfahrung mit digitalen Gottesdiensten gehabt hätten. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hätte sich mehr Unterstützung durch die Kirchenleitung, insbesondere in urheberrechtlichen Fragen gewünscht. (FAZ 29.06.2000)

Mai 29, 2020

Die leuchtende Antwort

Mögest Du gerne auf dieser Welt sein, die so schön ist in ihrer Sanftheit und so erhaben in ihrer Wildheit.

Mögest Du viele sorglose Nächte erleben unter gütigen Sternen

und viele unbeschwerte Tage im Gold der Sonne.

Mögeest Du die Kostbarkeit vieler Dinge begreifen, wenn körniger Sand durch Deine Finger rinnt oder kalte Muttererde sich an Deinen warmen Handballen presst

wenn Schnee auf Deinem Gesicht schmilzt und wenn blutrotes Abendrot unter Deinen sehnsüchtigen Blicken erlischt.

Mögest Du den Schatz erkennen

der im Lachen eines echten Freundes liegt und in einer tröstenden Umarmung

genauso wie im leisen Begehren

das zu Liebe werden will

und im Kuss, der die Grenzen verwischt

Mögest Du fragen und zweifeln, hadern und ringen,

wie Menschen es tun, die bereit sind, bis zum Grund zu tauchen und der Welt die Perle zu schenken, die sie finden.

Mögest Du aufgehoben werden, wenn Du fällst, von einem oder Einer, die das Unverletzte genauso in dir sieht wie das Verwundete,

der hören mag, was Du zu sagen hast und sagt, was Du hören musst.

Möge in Dir die Gewissheit reifen -mehr und mehr-

dass Du gewollt bist aus ganzem und tiefem Herzen

mit jedem Haar auf Deinem Kopf und jedem Zehennagel

jeder Falte im Gesicht und mit jedem Deiner Gedanken

auch jenen, die ratlos sind am Ende des Tages wie Deines Lebens

dass Du geliebt bist vom ersten Atemzug an

bis zum letzten, wenn sich Dein Weg hier schließt und

in einer anderen und noch schöneren Welt

vollendet wird

Mögest Du ein Glück finden

das größer ist als jedes Besitzen

jedes Wollen und jedes Wissen:

sich zu verschenken und Hoffnung für viele zu sein.

Mögest Du wissen, dass Du genug Güte in Dir trägst

um eine Wunde zu schließen, einen Alptraum zu beenden

ein Leben zu retten und eine leuchtende Antwort

auf jemandes dunkle Frage zu sein

nach: Giannina Wedde

April 13, 2020

23. März 2020
Appell des UNO-Generalsekretärs für einen weltweiten Waffenstillstand

António Guterres
Unsere Welt steht einem gemeinsamen Feind gegenüber: COVID 19.
Dem Virus ist es gleich, welche Nationalität oder Volksgruppe, welche Partei oder
Glaubensrichtung.
Es greift alle an. Erbarmungslos.
Gleichzeitig wüten bewaffnete Konflikte auf der gesamten Erde.
Die Schwächsten – Frauen und Kinder, Menschen mit Behinderungen, die an den Rand Gedrängten und die Vertriebenen – sie zahlen den höchsten Preis.
Sie sind es , die das höchste Risiko haben, dem Virus zum Opfer zu fallen.
Wir wissen, dass in den vom Krieg zerrissenen Ländern das Gesundheits-System kollabiert ist.
Die wenigen Gesundheitsarbeiter wurden oft zur Zielscheibe der Bewaffneten.
Flüchtlinge und andere, durch bewaffnete Konflikte Vertriebene, sind doppelt verwundbar.
Das Wüten des Virus zeigt uns den Wahnsinn des Krieges.
Deshalb rufe ich heute auf zu einem sofortigen Waffenstillstand in allen Teilen der Erde.
Es ist an der Zeit, dass wir die bewaffneten Konflikte einfrieren und uns konzentrieren auf den Überlebenskampf gegen das Virus.
Zu den kriegsführenden Parteien sage ich:
Stellt die Feindseligkeiten ein.
Legt das Misstrauen ab.
Lasst die Gewehre schweigen, stoppt die Artillerie, beendet die Luftangriffe.
Viel wichtiger ist jetzt:
Helft Korridore schaffen für lebensrettende Maßnahmen,
Öffnet die Fenster für diplomatische Lösungen,
Bringt denen Hoffnung, die durch COVID 19 am meisten verwundbar sind.
Wir wollen uns ein Beispiel nehmen am beginnenden Dialog zwischen Konfliktparteien in einigen Regionen der Erde, um gemeinsam das COVID 19 –Problem anzugehen.
Aber wir brauchen viel mehr:
Beendet den Wahnsinn des Krieges und bekämpft diese Krankheit, die auf der ganzen Erde wütet.
Beginnt, indem ihr überall die Kämpfe einstellt. Jetzt.
Das ist es, was die Menschheitsfamilie benötigt. Jetzt mehr denn je.

Der General-Sekretär der Vereinten Nationen
(Übersetzung Dr. Thomas Melcher)

November 17, 2018

Gemeinschaft Oud-Kath.Kerk NL

Gemeinschaft Oud-Kath.Kerk NL
Katholisch- Ökumen. Eucharistiefeier um 10.30 Uhr am Sonntag, den 3. Advent: Freut Euch!
Mühlweg 6, Friesenried

Oktober 16, 2017

Helmut und der „Ungast“

Einer meiner schönsten Gottesdienste war jener letzte Woche, zu dritt in einem Kaufbeurener Altenheim. Gegenstand war das Evangelium des gestrigen Sonntags, das königliche Hochzeitsmahl mit jenen Gästen, die eingeladen, den König aber versetzen und die einladenden Boten sogar umbringen (Mt 22,1-14). Der wütende König befiehlt daraufhin seinen Dienern, spontan Gäste von der Straße an die Hochzeitstafel zu holen: Arme und Bettler. Doch ausgerechnet über einen Gast echauffiert sich der König geradezu maßlos, weil er „kein Hochzeitsgewand“ trägt. Jenseits des historischen Kontextes, innerhalb dessen Matthäus uns diesen Text vorlegt, meldete sich einer der beiden, Helmut, nach der Verlesung des Textes mit der berechtigten Frage: „Das ist doch ungerecht! Wie kann man spontan Gäste von der Straße einladen und dann erwarten, dass sie festlich angezogen sind!“. Stimmt. Den Nagel auf den Kopf getroffen, lieber Helmut!
Aber handelt es sich bei jenem, den der Gastgeber beanstandet, wirklich um einen, der nachträglich dazugeladen wurde und „von der Straße kommt“? Oder wurden letztere vielleicht vom Gastgeber selbst festlich bekleidet und jener, der zum Stein des Anstoßes wird, mogelt sich in die Festgemeinschaft? Vermutlich geht es -der Intention eines Gleichnisses folgend- eben nicht nur um die Äußerlichkeit von Kleidung. Es könnte die Haltung dieses einen Gastes sein, die ihn aus dem Rahmen fallen lässt. Er ist sichtlich nicht vorbereitet auf das Fest, das ihn erwartet, vermag seine Bedeutung nicht einzuschätzen. Die Kleidung steht da nur „pars pro toto“. Für seine Haltung und Einstellung. Gäste, auch spontan eingeladen, bringen ein Gastgeschenk mit: Das Größte sind sie selbst- ihre Offenheit, Dankbarkeit, Herzlichkeit, Freundlichkeit … Sie sitzen nicht an der gedeckten Tafel und überlegen, was sie in der Zeit anderes oder besseres hätten tun wollen. Sie treffen eine bewusste Entscheidung, jetzt für diesen Menschen und seine Einladung da zu sein. Andere Optionen geben sie dafür bewusst auf.
Sie sind „ganz“ da, bereit, sich von dem, was da in dieser illustren Festgemeinschaft einander völlig Unvertrauter auf sie zukommt, sich überraschen zu lassen.
Der „Ungast“ aber verweigert dieses Gastgeschenk, sich selbst. Er lässt den Gastgeber nicht daran teilhaben. Die im Evangelium thematisierte reine „Äußerlichkeit“ korrespondiert mit dessen innerer Situation. Ähnlich wie im Gleichnis mit den klugen und törichten Jungfrauen, das wenige Kapitel später folgt, will er nur an dem der anderen partizipieren, bringt aber nichts von sich selber ein. Offensichtlich mag Gott keine halben Sachen. Gott schätzt das Ehrliche, Aufrechte und nicht die „Anstandskosmetik“. Er schaut hinter unsere Fassade, ins Herz und entlarvt den Selbstschwindel und die Halbherzigkeit.
Jener Gottesdienst endete mit einem persönlichen Segen und der Bitte der Beiden, die beide Helmut hießen, sie ins Nachtgebet einzuschließen. Klar doch. Da beide Helmut heißen, kann ich mir das besonders gut merken.

Oktober 6, 2017

Ein zauberhafter Anfang: Primiz 01.10.17

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„Wir würden ja jetzt eigentlich anfangen, aber der Pfarrer ist nicht da.“ Mit diesen Worten begannen zwei der Ministranten nach dem feierlichen Einzug die Primizfeier des neuen alt-katholischen Priesters Markus Stutzenberger. Was tun, jetzt war guter Rat teuer! Schnell wurde beschlossen, da muss ein Zauberer/eine Zauberin her! So wurden kurzerhand die Zelebranten als Assistenten eingesetzt, die das schwarze Zaubertuch (einen alter Chormantel!) halten mussten und ein Gemeindemitglied fungierte als Zauberin. Und siehe da, nachdem das Tuch sank, „erschien“ Stutzenberger in voller Lebensgröße hinter dem Altar.
Danke sagen- eine Primiz auch eine Form der Danksagung von Kirche und Gemeinde- Dieser Faden zog sich durch den gesamten Gottesdienst.
Die Fürbitten wurden nicht vom Ambo aus gelesen, sondern kamen aus unterschiedlichen Stellen der Gottesdienstbesucher, was abermals für Auflockerung gesorgt hatte. Die Kommunion wurde musikalisch von Tochter Hanna mit dem Song „here comes the sun“ von den Beatles virtuos auf der Gitarre begleitet.
In ihrem Grußwort erzählte die stellvertretende Kirchenvorsteherin Marianne Siegmund anschaulich von seiner beeindruckenden Priesterweihe mit drei weiteren Kollegen in der Schlosskirche in Mannheim durch Bischof Dr. Ring.
Stutzenberger ist es nicht ganz leichtgefallen, den mutigen Schritt aus der röm.-kath. In die alt-kath. Kirche und damit in eine ganz neue und ungewohnte Struktur zu wagen, denn immerhin habe er eine unbefristete Stelle in einer Großkirche gegen eine befristete in einer kleinen Kirche eingetauscht: „Da geht es auch um existentielle Fragen.“ Vor allem auch für die Kinder sei dies eine große Belastung gewesen, aber er gehe dieser neuen Aufgabe mit Hoffnung, Kraft und Energie entgegen. Seinen Schritt bereue er keinen Tag. Vor gut einem Jahr hat der 45-jährige sich mit seiner Frau Conny, Tochter Hanna und den Zwillingen Elias und Jakob auf den Weg in das beschauliche Neugablonz gemacht und hat es in dieser Zeit vom Pastoralreferenten über den Diakon zum geweihten Priester geschafft.
Aufgrund der anschließenden Grußworte kann er da auch durchaus positiv in die Zukunft sehen.
OB Bosse begann sein Grußwort mit dem Zitat von Hermann Hesse: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Dieses Zitat hatte er sich allerdings schon vorher überlegt, aber nun passte es umso besser. Er betonte, dass er mal wieder sehr erfreut über das Zeichen der Ökumene sei. Sehe er doch hier Pfarrer Hagen der katholischen Herz Jesu Kirche, Pfarrer Stahl der evangelischen Christuskirche und auch Pfarrer Röhm der evangelischen Dreifaltigkeitskirche Kaufbeurens.
Als Geschenk, sowohl praktisch als auch symbolisch, überreichte der OB als „Schirmherr“ einen Regenschirm mit den Worten: „der soll Sie beschützen, damit Sie immer gut beschirmt sind“.
Auch Pfarrer Stahl betonte die gute Arbeit auf dem ökumenischen Hügel, die sowohl durch Stutzenberger, als auch durch Thomas Hagen, Nachfolger von Franz Römer weiterhin gut möglich sei.
Mit seinem kabarettistischen Grußwort sorgte er für große Heiterkeit. Verglich er doch, beflügelt von dem Zauber zu Beginn des Gottesdienstes, die Gemeinden in Neugablonz mit den Häusern von Harry Potter. Zum Ende seines Grußwortes lud Stahl Stutzenberger zu einer Gastpredigt in der Christuskirche ein. Dafür überreichte ihm Stahl als Symbol der Vielfarbigkeit des Christseins in der Welt von heute eine Guatemalastola.

August 6, 2017

Alles klar?!

Verklärt ist alles Leid der Welt: Des Todes Dunkel ist erhellt. Der Herr erstand in Gottes Macht, hat neues Leben uns gebracht!
So heißt es in einem meiner Lieblingslieder zu Ostern.
Das taucht es auf, dieses „vom Aussterben bedrohte Wort“: „verklärt“. Wie etwa sollte ich es einem Kind erklären, was damit gemeint ist, mit diesem Bild, das so zentral ist für das Evangelium des heutigen Sonntags der „Verklärung Christi“, an dem „klar wird“ oder werden soll, dass Jesus “ d e r Christus“, der von Gott Geliebte und Gesalbte ist.
Kennen Sie solche Momente, in denen Ihnen quasi „schlagartig“ etwas bewusst wird? Sie begegnen jemanden zum ersten Mal und wissen: Dieser Mensch ist „etwas Besonderes“ und „es passt“ wie auf Anhieb zwischen Ihnen, ohne das viel darüber geredet werden müsste. Da ist dann vielleicht von Vornherein „ein Band der Sympathie“, ohne dass man dazu viel beitragen könnte oder müsste. Das gibt es dann natürlich auch im negativen Sinne: Ich erlebe einen mir noch nicht bekannten Menschen zum ersten Mal und „weiß“, es wird schief gehen, weil es einfach „nicht passt“… oder meine ich nur, es zu „wissen“ und in Wahrheit lege ich jemanden eher -im Bild gesprochen- „auf das von mir gezimmerte Kreuz“… In der Situation, aus der das heutige Evangelium zu uns spricht, ist der Rückzug, die Absonderung vom Pro-fanen, vom Alltäglichen, vom Einerlei des Alltags, in eine Atmosphäre des „Urlaubs“, der Zeit, in der ich mir äußerlich wie innerlich manches „erlaube“, was das ganze Jahr über so nicht möglich ist. Wenn ich etwas „verkläre“, sehe ich etwas in einem anderen Licht. Und Urlaubszeit heißt dann vielleicht auch die innere Erlaubnis an mich und den Berg meines Herzens, mich und mein Leben, meine gelebten, geliebten und „gescheiterten“ Beziehungen (die so gescheitert vielleicht gar nicht sind), bewusst einmal in ein „anderes Licht“ zu stellen… die „Perspektive Ewigkeit“ vielleicht, welche der in Augsburg geborene Sänger Andreas Bourani in seinem Lied „Auf uns“ besingt… Da gibt es dann vielleicht manches, was ich gerne wie die Jünger auf dem Berg „festhalten“ und gerne „für die Ewigkeit“ bewahren und festhalten würde- und dann doch immer wieder schmerzlich feststellen muss, auch und gerade im Urlaub, dass „alle Dinge im Fluss sind“: der Moment, den ich gerade genossen habe, sehr schnell wieder „vorbei sein“ wird. Umso mehr die Einladung an uns, an Sie wie mich, diesen „Tag Unendlichkeit“ wirklich auszukosten und zu genießen… damit er wenigstens „in uns“ bleibt und zu „Farben für den Winter“ wird…
Ein Hoch auf das, was vor uns liegt
Dass es das Beste für uns gibt
Ein Hoch auf das, was uns vereint
Auf diese Zeit (Auf diese Zeit)
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf dieses Leben
Auf den Moment
Der immer bleibt
Ein Hoch auf uns (uns)
Auf jetzt und ewig
Auf einen Tag
Unendlichkeit (Unendlichkeit)
Urlaubszeit ist „BergZeit“ und eine Einladung zu „innerer Klärung“: Was waren meine Ziele und Vorhaben zu Beginn des neuen Jahres 2017? Wo bin ich jetzt, nach der ersten Jahreshälfte, angekommen? Ist es ok für mich, manches nicht und dafür anderes erreicht zu haben? Welche Menschen waren mir an welchen Orten und in welchen Gelegenheiten eine Hilfe, eine Stütze?
Wo bin ich und warum auch immer „nicht angekommen“ oder „durchgedrungen“ mit dem, was ich denke, fühle oder erlebe?
Wo hatte oder habe ich vielleicht auch jetzt noch verklärte, das heißt vielleicht völlig überzogene Erwartungen — an andere, aber auch an mich?
Herzliche Einladung zu einer positiv verklärten Spurensuche im Urlaub, wo auch immer Sie ihn verbringen, in Nah und fern, bei sich zuhause …
M. Stutzenberger

Juli 24, 2017

Katakombenpakt

Einleitung

Am 16. November 1965 – drei Wochen vor dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils – trafen sich in den Domitilla-Katakomben außerhalb Roms 40 Bischöfe der ganzen Welt. Sie griffen ein Leitwort auf, das Johannes XXIII. einige Jahre vorher ausgegeben hatte.

Johannes hatte das Leitwort von einer „Kirche der Armen“ in seiner Rundfunkansprache vier Wochen vor der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils am 11. Sept. 1962 ausgegeben. Er meinte damit keine Sonderkirche, die im Gegensatz zu einer anderen Kirche oder zu einer anderen Gruppierung in der Kirche steht – etwa die Armen gegen die Reichen oder die Laien gegen die Priester. Sondern er wollte darauf aufmerksam machen, dass die Armen die Kirche überhaupt repräsentierten. Sie sind die Mehrheit des Volkes Gottes in der heutigen Welt. Mehrfach hat er auch Kardinal Lercaro aufgefordert, zu diesem Thema im Konzil zu sprechen.

Die 40 Bischöfe des 16. November griffen dieses Motto auf. Aber sie leisteten dazu noch etwas Eigenes: sie legten ein Gelübde ab. Sie versprachen, dass sie nach ihrer Rückkehr vom Konzil, das am 8. Dezember 1965 zu Ende ging, etwas Grundsätzliches in ihrem Leben und bei ihrer kirchlichen Tätigkeit ändern wollten. Sie versprachen, ein einfaches Leben zu führen und den Machtinsignien zu entsagen, sowie einen Pakt mit den Armen zu schließen – die sog. Option für die Armen. Sie bedeutet, die Welt mit den Augen der arm gehaltenen bzw. arm gemachten Bevölkerung zu sehen und dementsprechend handeln zu wollen. Die Bischöfe machten sich zu ihrem Sprachrohr. Eine wichtige Person unter ihnen war Dom Helder Camara, damals gerade Erzbischof von Recife/Brasilien geworden

Die Gruppe war richtungsweisend. Sie gehörte selber zum Konzil, hat hier und da Einfluss auf die Texte ausüben können und hat die Prinzipien des Konzils erstmalig in der Praxis ausgeführt, nämlich das Prinzip einer Durchdringung von Dogma und Pastoral entsprechend der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, sowie das Prinzip von der Kirche als dem Volk Gottes, das die Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ hervorhebt. Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit dieser Gruppe war die Entstehung der Basisgemeinden und einer Theologie der Befreiung. Das wichtigste gesamtkirchliche Ergebnis war die lateinamerikanische Bischofsversammlung von Medellin 1968, die zum neuen Pfingsten für die Lateinamerikanische Kirche wurde.

Die Verpflichtung der 40 Bischöfe, der sich später noch ca. 500 weitere Bischöfe anschließen, hat folgenden Wortlaut.

Wortlaut

Als Bischöfe,

  • die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben;
  • die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen;
  • die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden;
  • die sich eins wissen mit all ihren Brüdern im Bischofsamt;
  • die vor allem aber darauf vertrauen, durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sowie durch das Gebet der Gläubigen und Priester unserer Diözesen bestärkt zu werden;
  • die in Denken und Beten vor die Heilige Dreifaltigkeit, vor die Kirche Christi, vor die Priester und Gläubigen unserer Diözesen hintreten;

nehmen wir in Demut und der eigenen Schwachheit bewusst, aber auch mit aller Entschiedenheit und all der Kraft, die Gottes Gnade uns zukommen lassen will, die folgenden Verpflichtungen auf uns:

1. Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt (vgl. Mt 5,3; 6,33-34; 8,20).

2. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall – weder Gold noch Silber – gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen (Vgl. Mk 6,9; Mt 10,9; Apg 3,6).

3. Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen; und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen oder caritativen Werke überschreiben (vgl. Mt 6,19-21; Lk 12,33-34).

4. Wir werden, wann immer dies möglich ist, die Finanz- und Vermögensverwaltung unserer Diözesen in die Hände einer Kommission von Laien legen, die sich ihrer apostolischen Sendung bewusst und fachkundig sind, damit wir Apostel und Hirten statt Verwalter sein können (vgl. Mt 10,8; Apg. 6,1-7).

5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden (Eminenz, Exzellenz, Monsignore…). Stattdessen wollen wir als „Padre“ angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium enstpricht.

6. Wir werden in unserem Verhalten und in unseren gesellschaftlichen Beziehungen jeden Eindruck vermeiden, der den Anschein erwecken könnte, wir würden Reiche und Mächtige privilegiert, vorrangig oder bevorzugt behandeln (z.B. bei Gottesdiensten und bei gesellscchaftlichen Zusammenkünften, als Gäste oder Gastgeber) (Lk 13, 12-14; 1 Kor 9,14-19).

7. Ebenso werden wir es vermeiden, irgendjemandes Eitelkeit zu schmeicheln oder ihr gar Vorschub zu leisten, wenn es darum geht, für Spenden zu danken, um Spenden zu bitten oder aus irgendeinem anderen Grund. Wir werden unsere Gläubigen darum bitten, ihre Spendengaben als üblichen Bestandteil in Gottesdienst, Apostolat und sozialer Tätigkeit anzusehen ( (Vgl. Mt 6, 2-4; Lk 15,9-13; 2 Kor 12,4).

Für den apostolisch-pastoralen Dienst an den wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten oder Unterentwickelten werden wir alles zu Verfügung stellen, was notwendig ist an Zeit, Gedanken und Überlegungen, Mitempfinden oder materiellen Mitteln, ohne dadurch anderen Menschen und Gruppen in der Diözese zu schaden.

8. Alle Laien, Ordensleute, Diakone und Priester, die der Herr dazu ruft, ihr Leben und ihre Arbeit mit den Armgehaltenen und Arbeitern zu teilen und so das Evangelium zu verkünden, werden wir unterstützen. (vgl. Lk 4,18f.; Mk 6,4; Mt 11,45; Apg 18,3-4; 20,33-35; 1 Kor 4,12; 9,1-27)

9. Im Bewusstsein der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Liebe sowie ihres Zusammenhangs werden wir daran gehen, die Werke der „Wohltätigkeit“ in soziale Werke umzuwandeln, die sich auf Gerechtigkeit und Liebe gründen und alle Frauen und Männer gleichermaßen im Blick haben. Damit wollen wir den zuständigen staatlichen Stellen einen bescheidenen Dienst erweisen (Vgl. Mt 25, 31-46; Lk 13,12-14 und 33f.)

10. Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen, die der Würde der Menschen- und Gotteskinder entspricht (Vgl. Apg 2,44f; 4,32-35; 5,4; 2 Kor 8 und 9; 1 Tim 5,16).

11. Weil die Kollegialität der Bischöfe dann dem Evangelium am besten entspricht, wenn sie sich gemeinschaftlich im Dienst an der Mehrheit der Menschen – zwei Drittel der Menschheit – verwirklicht, die körperlich, kulturell und moralisch im Elend leben, verpflichten wir uns:

  • Gemeinsam mit den Episkopaten der armen Nationen dringliche Projekte zu verwirklichen, entsprechend unseren Möglichkeiten.
  • Auch auf der Ebene der internationalen Organisationen das Evangelium zu bezeugen, wie es Papst Paul VI. vor den Vereinten Nationen tat, und gemeinsam dafür einzutreten, dass wirtschaftliche und kulturelle Strukturen geschaffen werden, die der verarmten Mehrheit der Menschen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen, statt in einer immer reicher werdenden Welt ganze Nationen verarmen zu lassen.

12. In pastoraler Liebe verpflichten wir uns, das Leben mit unseren Geschwistern in Christus zu teilen, mit allen Priestern, Ordensleuten und Laien, damit unser Amt ein wirklicher Dienst werde. In diesem Sinne werden wir

  • gemeinsam mit ihnen „unser Leben ständig kritisch prüfen“;
  • sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen, so dass wir vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, stattt Chefs nach Art dieser Welt zu sein.
  • uns darum mühen, menschlich präsent, offen und zugänglich zu werden.
  • uns allen Menschen gegenüber offen erweisen, gleich welcher Religion sie sein mögen (vgl. Mk 8,34f.; Apg 6,1-7; 1 Tim 3,8-10.13

13. Nach der Rückkehr in unsere Diözesen, werden wir unseren Diözesanen diese Verpflichtungen bekanntmachen und sie darum bitten, uns durch ihr Verständnis, ihre Mitarbeit und ihr Gebet behilflich zu sein.

Gott helfe uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben.

März 1, 2017